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Content-Töpferei: Wie Sie Ihre Inhalte beherrschen und formen

Hermann Ruckdeschel

..., geboren 1952 in Tübingen, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Augsburg. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen stieg er unmittelbar in die Fachverlagsbranche ein und begann seine Karriere 1980 als Werbeleiter beim Stuttgarter Richard Boorberg Verlag, wo er später den Geschäftsbereich Vertrieb und Marketing übernahm. In der Geschäftsleitung verantwortete er schließlich langjährig den Geschäftsbereich Produkt- und Medienentwicklung. Heute ist er als selbständiger Berater im elektronischen Fachmedienbereich tätig. Für den SHI-Blog teilt er sein umfassendes Expertenwissen in der Schaffung medienneutraler Datenbestände und daraus generierter Informationsangebote. Lieblingsdateiformat: XML, so semantisch wie möglich.

Teil 2 der BLOGSERIE:

„Vom Verlag zum E-Publisher – wie Redaktionen und Lektorate die digitale Transformation erfolgreich meistern.“

Lesedauer: 6 Min.

Lesen Sie hier die anderen Beiträge dieser Blogserie:

Technologie, Content und Co: Wer ist denn hier verantwortlich?

Unlängst habe ich den Lektoratschef eines größeren Fachverlages gefragt, wie er denn mit Anforderungen umgehe, einen bestimmten Inhalt nicht nur im Print, sondern auch Online oder womöglich nur Online zu publizieren. Antwort: „Das schiebe ich alles zu Herrn S. rüber“. Nun ist jener Herr S. Herstellungsleiter einer Fachverlagsgruppe, die komfortabler Weise über einen eigenen Produktionsstandort für Print und Electronic-Publishing verfügt. Es steht also außer Zweifel, dass mit dem Dorthin-Schieben sicher eine Online-Publikation zustande kommt. Gut finde ich dieses Vorgehen trotzdem nicht. Um es deutlicher zu sagen: Ich halte es für falsch.

Herr der Inhalte sind Lektorate und Redaktionen

Leider ist es ein mittlerweile schon überkommener, dennoch nicht auszurottender Stereotyp, nach dem Lektoren und Redakteure allzu schnell sagen: „Elektronisches Publizieren ist Technik, und Technik geht mich nichts an. Das macht bei uns…“ Und dann kommt Herr S., die Herstellung, ein Dienstleister, wer auch immer.

Lektorate und Redaktionen bleiben jedoch auch beim digitalen Publizieren Herr der Inhalte. Denn E-Publishing ist zu allererst einmal nicht Technik, sondern Arbeit am Inhalt, im Inhalt, mit dem Inhalt. Verlangt sind Prüfungen und Optimierungen für eine elektronische Publikation, allein das Weiterschieben von Printmanuskripten in die technische Abteilung genügt nicht. Wer wollte und könnte dies leisten, wenn nicht Redaktionen und Lektorate? Eine Herstellungsabteilung wird es eher nicht tun, ein Dienstleister nicht, ein Programmierer schon gar nicht.

„Gute“ Inhalte schaffen: Lektorate und Redaktionen haben das in der Hand

Gute Inhalte sind das höchste Gut in einem Fachverlag. Nur gute Inhalte verkaufen, egal in welchem Medium. Also müssen sie auch für das E-Publishing von Redaktion und Lektorat gut gemacht sein.

Beleuchten wir daher in insgesamt 12 Schritten zunächst die Arbeit am Inhalt und gehen in einigen Punkten dann noch auf eher technische Aspekte des E-Publishings ein. Wobei Sie sehen werden, dass man sich auch da nahe am Inhaltlichen bewegt.

Sie können die nachfolgenden Punkte durchaus im Sinne einer Checkliste einsetzen.

Wie Sie Inhalte für E-Publishing prüfen und optimieren

1. Grundsätzliche Eignungsprüfung

Im vorhergehenden Blog-Beitrag habe ich unterschiedliche Inhaltstypen und deren Eignung für E-Publishing herausgearbeitet. Prüfen Sie einen zur Veröffentlichung anstehenden Inhalt nach diesen Kriterien ab und bilden Sie sich eine Meinung. Treffen Sie ggf. in Abstimmung mit Ihrer Leitungsebene eine Entscheidung für oder gegen eine E-Publikation und deren Form.

2. Divide et impera – teile und herrsche

Je nach Umfang eines Inhalts kann seine Optimierung für das E-Publishing sehr aufwendig werden. Teilen Sie sich diese Arbeit sinnvoll mit dem Autor, der ohnehin einbezogen werden muss, ggf. Assistenzkräften und eventuell auch Kolleginnen und Kollegen aus der Herstellung. Die Vorgaben kommen von Ihnen.

3. Führen Sie Tiefengliederungen zurück

Egal, ob im Print oder in einer Onlinepublikation: Alles, was über die dritte, maximal vierte Gliederungsebene hinausgeht, wird unübersichtlich. Gerade Autoren sehen das oft anders und verlangen Überzeugungsarbeit.

Falls die Inhaltsstruktur in der Anwendung in einem Suchbaum abgebildet werden soll, wird dieser bei kleinteiliger Tiefengliederung schlecht oder gar nicht mehr nutzbar.

4. Lösen Sie lange Textpassagen auf

Sogenannte „Textriemen“, die gerade im Wissenschaftlichen gerne aufscheinen, sind in elektronischen Anwendungen, egal ob am Pad oder Bildschirm, extrem leseunfreundlich. Denken Sie daran: Der Anwender wird letztlich nur nutzen und bezahlen, was er komfortabel findet.

Bilden Sie kurze, sinntragende Texteinheiten, schaffen Sie mit Zwischenüberschriften Haltepunkte für Verstand und Auge.

5. Bilden Sie Randnummern

Machen Sie damit Ihre sinntragenden Texteinheiten zitierbar und adressierbar, z.B. für Verlinkungen.

6. Lösen Sie Fußnotenapparate auf

Elektronische Anwendungen haben meist keine Seitenorientierung mehr, und wenn aus Gründen der Zitierbarkeit doch, mag man auf dem Lesegerät am Ende der Seite dennoch keinen Fußnotenapparat haben.

Längere Textpassagen in Fußnoten nehmen manchmal sogar den Charakter von Unterkapiteln an. Solche Passagen können ebenso wie Zitate etc. meist in den Haupttext übernommen und dort geeigneter Form kenntlich gemacht werden.

Fußnotenverweise auf hinterlegtes Sekundärmaterial, in juristischen Anwendungen z.B. Gerichtsentscheidungen, können ebenfalls in den Haupttext übernommen werden. Um Übersichtlichkeit zu wahren, kann man sie dort ein- und ausblendbar machen.

Vermeiden Sie möglichst Fußnotenverweise auf externe Quellen, die nicht Bestandteil der elektronischen Anwendung werden können.

7. Schaffen Sie Grundlagen für Verlinkungen

In Verlinkungen besteht ein großer Mehrwert elektronischer Informationsanwendungen. Sie entstehen allerdings nicht von allein. Verlinkungen brauchen einen Absprung- und einen Zielpunkt. Die kann man mühsam manuell definieren, oder die Voraussetzung für eine maschinelle Verlinkung schaffen.

Auch das ist inhaltliche Arbeit: Eine Voraussetzung für interne Verlinkungen ist die oben erwähnte Bildung von Randnummern. Eine andere ist die Vereinheitlichung von Zitierweisen: Um beim Beispiel der Gerichtsentscheidung zu bleiben, die Zitierform „Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen“. Möglicherweise gibt es in Ihrem Haus für Ihre Inhalte bereits einen Katalog von Zitierkonventionen, entsprechende Redaktionsrichtlinien oder ähnliches. Andernfalls müssen solche Konventionen auf der Grundlage des konkret zur Bearbeitung anstehenden Inhalts getroffen werden.

Tipp: An der Stelle müssen nicht mehr Sie in Lektorat und Redaktion die Anpassungsarbeit in den Inhalten leisten, sondern das können auf der Grundlage der Konventionen externe Dienstleister vornehmen, z.B. Satzdienstleister bei der Datenerfassung.

8. Führen Sie Metadaten nach, die die Inhalte beschreiben

In aller Regel wird ein Autor im ersten Anlauf solche Metadaten nicht mitliefern. Sie müssen also am besten von ihm nachgeliefert oder von der Redaktion erarbeitet werden.

Ein Schwachpunkt der meisten heutigen Online-Fachinformationsanwendungen und der zugrundeliegenden Datenbestände ist es, dass die Schaffung dieser Metadaten als zu aufwendig und lästig empfunden wird und daher zu Lasten der Erschließbarkeit und Auffindbarkeit der Inhalte unterbleibt. Machen Sie es besser!

Wünschenswerte Metadaten sind zu jeder größeren Informationseinheit (z.B. Zeitschriftenbeitrag, Buchkapitel, ggf. Unterkapitel):

  • Teaser: Inhaltsbeschreibung in einem Satz
  • Abstract: Inhaltsbeschreibung in mehreren Sätzen bzw. einem Absatz
  • 3 Schlagworte

Wenn die Inhalte in Randnummern gegliedert werden, wäre es ideal, auch zu jeder Randnummer mindestens ein Schlagwort zu erhalten.

Insgesamt kann der so aufzubauende Schlagwortbestand mittelfristig einen Themen-Thesaurus bilden, der wiederum Bestandteil größerer Verlagsthesauri wird.

Unabhängig davon wird die eingesetzte Suchmaschine von solchen Daten höchst wirkungsvoll unterstützt und kann bessere Suchvorschläge und Trefferlisten aufweisen.

Bis hierher waren rein inhaltliche Anforderungen an Redaktion und Lektorat formuliert – sage keiner, das sei Technik gewesen! Fahren wir nun fort mit Punkten, die ins Technisch-organisatorische hineinspielen.

9. Verschaffen Sie sich Kenntnisse über Datenformate wie XML und PDF

Sie müssen kein Programmierer werden, sondern Sie bleiben in Redaktion und Lektorat grundsätzlich für den Inhalt zuständig. Um aber verstehen zu können, wie und mit welchem Ergebnis es mit Ihren Inhalten im E-Publishing weiter geht und was sich daraus entwickeln lässt, sollten Sie wissen, was man mit einem PDF machen kann und was nicht, und wie XML geht.

Zu XML und seiner Handhabung werden wir noch in einem eigenen Beitrag kommen. Hier nur so viel: Es ist derzeit die entscheidende Datenbasis für E-Publishing und die Speisung unterschiedlicher Produktionsstrecken für Print und Online. XML ist eine semantiktaugliche Auszeichnungssprache, die in standardisierter Notation inhaltliche Strukturen aufgreift, beschreibt und abbildet. Deshalb geht es letztlich auch hier wieder um inhaltliche Kompetenz, die Ausfluss auf die Datenebene und deren Qualität hat.

Grundsatz: Was an inhaltlicher Struktur nicht in den Daten drinsteckt, kann auch nicht als Information oder Funktion auf Produktseite erscheinen.

10. Verschaffen Sie sich Kenntnisse über Produkt- und Arbeitsplattformen

Mein Postulat: Lektorat und Redaktion sind über ihre inhaltliche Kompetenz auch Herr des elektronischen Produkts. Dazu müssen sie aber wenigstens in Grundzügen wissen, was geht.

Die in der Verlagslandschaft anzutreffenden Strategien und technischen Lösungen sind höchst unterschiedlich und bunt. Es lohnt deshalb der Blick ins Haus und darüber hinaus. Welche Produktionsplattformen gibt es im Haus, welche Dienstleister werden eingesetzt, welche Publikationsplattformen bringen Ihre Inhalte online?

Die Herstellung wird hier ebenso gerne über bestehende und weiterführende Möglichkeiten informieren wie die externen Dienstleister.

Es ist immer wieder festzustellen, dass Lektorate und Redaktionen oft gar nicht wissen, welche Möglichkeiten im Haus bestehen und deshalb insbesondere in der Inhaltserstellung ineffizient gearbeitet wird.

Es gibt möglicherweise Redaktionswerkzeuge und Workflows, die nicht, zu wenig oder falsch genutzt werden, weil auch lieb gewonnene Arbeitsweisen geändert werden müssten. Unter Punkt 2 wurde die inhaltliche Arbeitsteilung angesprochen. Diese lässt sich wesentlich durch den Einsatz solcher Werkzeuge unterstützen.

11. Arbeiten Sie mit Ihren elektronischen Produkten!

Eine Banalität? Leider nicht. Das Maß der Identifikation mit den eigenen elektronischen Produkten hängt ganz wesentlich davon ab, welchen Anteil und Einfluss am Zustandekommen Lektorat und Redaktion hatten.

12. Prüfen Sie Funktionalitäten und formulieren Sie Anforderungen dazu

Sie kennen die Zielgruppe Ihrer Inhalte und deren Bedürfnisse. Die Herstellung oder eine technische Abteilung kennt sie im Zweifel nicht und der externe Dienstleister schon gar nicht. Oder allenfalls dann, wenn er in einem bestimmten Themenbereich schon enge Berührung mit ähnlichen Inhalten hatte. Solche Erfahrung sollte übrigens bei der Auswahl eines technischen Dienstleisters einen wesentlichen Ausschlag geben.

Prüfen Sie also und machen Sie sich Gedanken, ob die heute bei Ihrer Produktplattform vorhandenen Features und Funktionen für einen neuen, speziellen Inhalt ausreichen, oder ob die Zielgruppe möglicherweise andere oder weitergehende Features sucht. Überlegen Sie, wie Ihr Inhalt durch Funktionen weiter auszureizen wäre. Befragen Sie Ihre Kunden., auch und gerade nach deren Workflows.

Ein enger Zusammenschluss in Arbeitsgruppen aus internen und externen Kräften kann dann neue Produktqualitäten erschaffen.

Die im Juli auf dem CrossMedia-Forum 2019 vom Beuth Verlag und SHI vorgestellte neue Context-Plattform rund um das Thema technische Normen hat so einen von den Nutzern, dem Verlag und dem Dienstleister gemeinsam bewirkten Evolutionssprung höchst eindrucksvoll sichtbar gemacht: Mit enger Verflechtung technischer Normen und Dokumente des Verlages wie auch der Kunden, paralleler Lesbarkeit und Vergleichbarkeit mehrerer Dokumente, Unterstützung von Ausschreibungen und vielem mehr.

Bespielhaft wird hier unter Beweis gestellt, dass E-Publishing vom Inhalt her betrieben werden muss. Die Technik folgt dem nach.Ein erfolgreiches Töpfern mit Ihrem Content wünscht

Ihr

Hermann Ruckdeschel

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